Thomas Vogel
Thomas Vogel
01.08.2018

1. Augustrede Fehraltorf

Liebe Fehraltorferinnen und Fehraltorfer, liebe Festgemeinde

Als ich mich auf meine 1. Augustrede vorbereitete, erinnerte ich mich an zwei Begegnungen. Ein älterer ehemaliger Politiker schilderte mir kürzlich, wie zu seiner Zeit der Umgang mit den Medien vonstatten ging. Da hätten ihn Journalisten jeweils angerufen, eine Frage gestellt und gesagt, er könne sich die Antwort ruhig bis morgen Mittag überlegen. Sie würden sich dann wieder melden.

Was für herrliche Zeiten erlebte mein älterer Kollege. Heute konsumieren wir in Echtzeit Medieninformationen, die vorwiegend über Konflikte, Krisen und Katastrophen berichten. Am meisten damit konfrontiert sind dann wir Politiker, weil man von uns Antworten und Lösungen erwartet. Auch in Echtzeit. Auch in 1. August-Reden.

Für mich ist der 1. August aber ein Tag, an dem wir uns vor allem über den guten Zustand des Landes freuen dürfen. Deshalb will ich heute in Fehraltorf auch nicht ausufernd darüber reden, wo uns Schweizerinnen und Schweizer der Schuh drückt. Ich habe auch den Hinweis aufs Rütli weitgehend aus meinen Notizen gestrichen. Auch die Nennung der Schlachten der alten Eidgenossen. Kein Wort heute über die vielen konkreten Baustellen der Politik, die uns beschäftigen und belasten. Gönnen wir uns heute den 1. August einfach als Durchschnauf-Tag. Ich werde mich deshalb auf zwei Wünsche an Sie beschränken.

Die zweite Begegnung fand vor wenigen Wochen statt. Ich befand ich mich an einem Symposium mitten in einer Gruppe von Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus verschiedenen europäischen Ländern. Sie lobten die Schweiz in einer Art und Weise, dass ich mich stolz fühlte wie bei einem Matchball von Roger Federer.

Die im Ausland haben schon Recht, wenn sie meinen, wir Schweizer machten es gut. Sie erwähnen dann unsere tiefen Steuern. Die tiefe Arbeitslosigkeit. Die hohe Sicherheit und unser Bildungswesen. Und natürlich: Die Schönheit unserer Berge. Und es geht uns immer besser. Objektiv betrachtet. Die Lebenserwartung ist so hoch wie noch nie, ebenso die verfügbaren finanziellen Mitteln, die Zeit zur freien Verfügung und die Wohnfläche pro Kopf.

Wie gut es uns geht und wie glücklich wir sind, zeigen wir manchmal auf liebenswert skurrile Weise. Etwa wenn wir wochenlang darüber streiten, ob jeder Spieler der Fussball-Nati bei der Nationalhymne mitzusingen hat. Auch wenn wir wissen, dass Fussballer nicht zum Singen an ein Turnier gehen, sondern um Goals zu schiessen.

Ja, es muss ein glückliches Land sein, in dem Zehntausende dabei sein wollen, wenn sich jeweils zwei „Böse“ im Sägemehl an den Schwinghosen packen. Es sind die Momente, wo die Fernseh- Einschaltquoten höher sind als bei einem Formel-Eins- Rennen.

Es ist doch wunderbar, in einem Land zu leben, wo man bedenkenlos von jedem Brunnen Wasser aus der Röhre trinken kann. Und wenn mal nicht, weist dann schon ein „Täfeli“ darauf hin.

Wenn junge Kleinbrauereien den Grossen, die nur noch dem Namen nach Schweizer Bier brauen, immer mehr den Rang ablaufen, dann tickt dieses Land zumindest nicht falsch.

Wenn wir uns als Zürcherinnen und Zürcher freuen dürfen, dass nicht immer die gleiche Mannschaft Schweizer Fussballmeister wird, dann sagt dies mehr über unsere Liebe zu Basel aus, als wir sie sonst in Worte zu fassen vermögen.

Wir verfügen über eine herausragende Tageschul- und Kitadichte. Und das ist auch dringend nötig. Weil wieder viele Kinder in diesem Land geboren werden. 2017 war ein Geburtenrekordjahr. 10 Babys pro Stunde kamen zur Welt. Auch für 2018 sieht es sehr gut aus.

Wenn in einem Land wochenlang darüber gestritten wird, ob Kindergärtnerinnen einen Bachelor haben müssen, und Grosseltern ein Zertifikat, um ihre eigenen Enkel hüten zu können, kommt die Nation aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus.

Die gelben Wanderwegweiser gehören zur DNA unseres Landes. Freunde von mir, und es sind nicht wenige, nehmen für sich in Anspruch, fast sämtliche Schweizer Wanderwege abgelaufen zu sein. Ich gehöre nicht zu ihnen. Aber meine Freunde sind diese auch nur "gefühlt" abgelaufen, denn es sind rund 65‘000 Kilometer.

Man muss es mit eigenen Augen gesehen haben: Eine Rega, die auch Kühe rettet. Man sitzt vor einer Berghütte, Und dann passiert es. Vor einem schwebt eine Kuh langsam ins Tal. So geht Tierarzt in der Schweiz. Das soll uns erst mal jemand nachmachen.

Was für ein fröhliches Land ist die Schweiz, das Bundesräte kennt, deren Sprüche wie „Freude herrscht!“, oder „Bü- Bü- Bündnerfleisch“, länger im Gedächtnis des Volkes bleiben werden, als die komplexen Gesetzesvorlagen, die sie während ihrer Amtszeit durchbrachten?

A propos Bundesräte: Kürzlich war ich aus beruflichen Gründen in Bern. Auf einer Hotelterrasse haben mein Mitarbeiter und ich zu Mittag gegessen. Der Tisch neben uns war reserviert. Dann kamen drei Männern mit Knopf im Ohr, haben den Blumentopf umgedreht und unter den Tisch geblickt, und waren wieder weg. Und dann kam ein Mitglied der Landesregierung nach dem anderen, bis an unserem Nachbartisch der Gesamtbundesrat sass und ebenfalls zu Mittag ass. Wo gibt es denn sowas. Oder wo sitzen Sie, wie ich vor einiger Zeit, an einem Schwingfest und vor ihnen sitzt der Bundespräsident. Einfach so, allein, zwei freie Sitze neben sich. Und dann kommt eine Schweizerin mit ihrer offensichtlich amerikanischen Freundin und fragt, ob dort noch frei sei. Der Bundespräsident bejaht, nimmt seine Windjacke weg und die Frauen sitzen ab. Ich sehe dann, wie die Schweizerin den Bundespräsidenten nun erkannt hat und ihrer amerikanischen Freundin zuflüstert: "This is the President of Switzerland". Worauf diese, nach Luft japsend, ausruft: "Oh my God". Und schon werden Selfies geschossen. Einfach wunderbar.

Liebe Anwesende

Dies sind die Schokoladenseite unseres Landes. Kleine Fragmente, die gesamthaft die Befindlichkeit unseres Landes ausmachen. Und zur Erkenntnis führen, dass es uns hier, bei allem berechtigten Geklöne, doch eigentlich extrem gut geht. Und dass es so ist, zeigt allein Ihre heutige Anwesenheit. Sie zeigen Zugehörigkeit und Verbundenheit zu unserem Gemeinwesen. Und dafür bin ich Ihnen dankbar.

Ich habe heute die Schattenseiten bewusst ausgeblendet. Weil ich weiss, dass 1. August-Reden dazu verleiten, aufzulisten, was alles wo und warum im Argen liegt und deshalb verbessert oder abgeschafft werden muss. Das wollte ich nicht. Denn als Politiker komme ich mir blöd vor, Handlungsbedarf zu reklamieren, weil ich selbst zu jenen gehöre, die dazu gewählt sind, diesen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ich kann also nur in mich gehen und Besserung geloben. Und ich kann zum Schluss zwei Wünsche deponieren. Diese beiden Wünsche, davon bin ich überzeugt, sollten in Erfüllung gehen, möchten wir es weiterhin so gut haben wie bisher:

Wunsch 1: Halten wir den Kompromiss hoch! Als Politiker erfüllt mich eines besonders mit Stolz: unser raffiniertes, geradezu geniales politisches System. Dieses baut darauf, dass man sich zusammenraufen muss, eine Lösung für ein Problem finden muss, indem alle massgebenden Kräfte in die Lösungsfindung miteinbezogen werden. Aber dieses System funktioniert nur, wenn wir es weiterhin schaffen, aufeinander zuzugehen.

Was der Legende nach am 1. August 1291 auf dem Rütli passiert und im Bundesbrief besiegelt worden ist, war ja, rechtsgeschichtlich betrachtet, nicht die Gründung der Eidgenossenschaft, sondern der Abschluss eines sog. Landfriedens. Die zerstrittenen Familien und Sippen beschlossen, sich zusammen zu tun und sich gegen Dritte zu wehren, sich gegenseitig nicht mehr zu bekämpfen und zu befehden, sondern die Gegend zu befrieden. Nicht stehlen und brandschatzen, sondern friedliches Zusammenleben und bäuerliches Prosperieren sollte das Ziel sein. Dafür waren alle Seiten bereit, gewisse territoriale Abstriche zu machen bzw. auf erhobene Ansprüche oder auch Blutrache zu verzichten.

Der Rütlischwur war demnach meines Erachtens der erste typisch schweizerische Kompromiss. Dieses aufeinander zugehen, welches unser Land über Jahrhunderte hinweg gedeihen liess, ist in meinen Augen das schweizerische Erfolgskonzept schlechthin. Es ist nicht derjenige stark, der eine klare Meinung hat und von dieser nicht abrückt. Eine klare Meinung zu haben, und die Bereitschaft, einen Kompromiss zu schliessen, stehen überhaupt nicht in einem Widerspruch zueinander, im Gegenteil: nur wer genau weiss, was er im Maximalfall möchte, kann einen sinnvollen Kompromiss eingehen, um das unter den gegebenen Umständen Optimalste zu erzielen. Nicht umsonst sagt der Volksmund: „Das Beste ist der grösste Feind des Guten.“ Der Volksmund sagt auch, dass man nicht „de Foifer und s‘Weggli“ haben könne. Auch das eine alte, gut-schweizerische Feststellung, die heute wieder mehr Gültigkeit haben sollte. Denn den Fünfer und das Weggli zu haben, wird immer schwieriger. Und genau deshalb wird der gute, alte Kompromiss wieder zunehmend an Bedeutung gewinnen müssen.

Denn wir haben alle zusammen eine ganz gewaltige Herausforderung zu meistern. Das enorme Bevölkerungswachstum wirft die Frage auf, was dies für Folgen hat für unsere Infrastrukturen (Strasse, Schiene, Luft, Wasser, Strom etc), unsere Schulen, Spitäler und die Sicherheit. Was bedeutet es für die Gesellschaft, wenn der Kanton Zürich innert 15 Jahren um mehr als zweimal die Stadt Winterthur wächst? Je mehr Menschen auf immer gleichbleibendem Wohnraum zusammen leben müssen, desto grösser wird das Konfliktpotential. Sie wissen: Meine Freiheit hört dort auf, wo diejenige des Nächsten anfängt. Und diejenige des Nächsten fängt heute eben eher an als früher. Wir nehmen einander Platz weg – es wird enger und enger. Und unsere individuellen Spielräume kleiner und kleiner. Die Zahlen dazu sind wirklich mehr als eindrücklich. Lebten im Jahr 1900 3,3 Mio. Menschen in der Schweiz, so sind es rund 100 Jahre später bereits über 8 Millionen. Jeden Tag werden weltweit eine Viertelmillion Kinder geboren - jedes Jahr steigt die Weltbevölkerung um die Einwohnerzahl von Deutschland, sie haben es gehört: 10 Baby pro Stunde in der Schweiz. Das ist schön, bringt aber enorme Herausforderungen – ökonomisch und ökologisch. Und die räumliche Enge birgt die Gefahr in sich, eine geistige Enge zu provozieren. Es besteht die Gefahr von Kleinkariertheit. Wir fühlen uns heute schneller gestört – und wollen dem entgegentreten. Ein Kampf fürs Ungestörtsein – mittels eines immer engmaschigeren Konstrukts von – notabene selbstprovozierten und selbstproduzierten – Geboten und Verboten. Ich rufe nach dem Verbot bereits, weil mich etwas stört. Laubbläser, Offroader, bestimmte Hunde, Heizpilze etc. etc. Auch die Tatsache, dass das schweizerische Strafgesetzbuch in den letzten 10 Jahren rund 50 Mal geändert worden ist, zeugt davon, dass man mit der meist völlig untauglichen Form der Gesetzgebung versucht, gesellschaftliche Missstände zu korrigieren.

Wunsch 2, deshalb, meine Damen und Herren, liebe Fehraltorferinnen und Fehraltorfer: Lassen wir es nicht zu, dass wir engstirniger und intoleranter werden. Bleiben wir positiv, optimistisch, konstruktiv und offen. Dann wird es so gut bleiben wie es das bisher gewesen ist.

Ich danke Ihnen für Ihre Einladung und ich wünsche Ihnen eine genussreiche Fortsetzung der angebrochenen Feierlichkeiten.